Januar 2016 – Opferberatung

„Solidarität ist möglich“

Das Social Center 4 All in Leipzig ist eines von mehreren Projekten, in dem unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen versuchen, durch selbstorganisierten Zentren eine Alternativen gegen rassistische Mobilisierungen und Gesetzesverschärfungen zu organisieren. Im Gespräch mit der Mobilen Opferberatung beschreibt eine der Altivist_innen die Ideen und Überlegungen, die zur Gründung des Social Centers geführt haben.

Aus welchem Anlass habt Ihr euch gegründet?

Das Projekt „Social Center for all“ Leipzig wurde durch ein Bündnis von antirassistischen und gesellschaftskritischen Initiativen und selbstorganisierten Geflüchteten im September 2015 ins Leben gerufen – und seit November versuchen wir öffentlich ein Gebäude für unser Zentrum einzufordern.. Unser gemeinsames Ziel: Angesichts des politischen Versagens der sächsischen Landesregierung bei der Unterbringung von Geflüchteten geht es uns darum, politischen Druck zu organisieren. Wir finden es unsäglich, dass Geflüchtete in Turnhallen und Zelten untergebracht werden, obwohl auch in Leipzig immer noch Gebäude und Wohnungen leer stehen, die dafür genutzt werden könnten.

Viele von uns waren im August 2015 beteiligt, als Geflüchtete aus Leipzig sich dagegen gewehrt haben, nach Heidenau bei Dresden verlegt zu werden, wo nur wenige Tage zuvor massive rassistische Ausschreitungen gegen die in einem alten Baumarkt eingerichtete „Erstaufnahmeeinrichtung“ für Geflüchtete stattgefunden hatten. Die 51 Geflüchteten, die in einer alten Turnhalle in Leipzig-Connewitz untergebracht waren, wollten nicht zurück an einen Ort, an dem ihr Leben bedroht wird. Die Landesdirektion Sachsen hat dann nach unseren gemeinsamen Protesten zugestimmt, dass die Geflüchteten selbst entscheiden können, in welche Einrichtung sie verlegt werden. Für uns war das ein großer politischer Erfolg, der uns gezeigt hat, dass wir gemeinsam etwas erreichen können.

Wie organisiert ihr die Zusammenarbeit von Geflüchteten und Unterstützer_innen und was ist Euch dabei besonders wichtig?

Schon von Beginn an sind Gruppen von selbstorganisierten Geflüchteten an dem Projekt des Social Centers beteiligt. Auch Geflüchtete, die über die am Bündnis beteiligten Gruppen vom Center erfahren haben, waren immer wieder auf unseren Treffen dabei.

Die Begegnung und die gemeinsame Arbeit auf Augenhöhe ist uns sehr wichtig, denn wir wollen keine Zentrum für Geflüchtete, sondern ein Zentrum, an dem Betroffene von sozialen Ungleichheit gemeinsam Forderungen artikulieren können. Gegenwärtig werden benachteiligte Gruppen gegeneinander ausgespielt, Rassismus wird auf diese Weise weiter geschürt. Wir wollen zeigen, dass es Alternativen dazu gibt.

Was ist Euer Ziel und wie wollt ihr damit Betroffene unterstützen?

In Leipzig gibt es viele Initiativen und Projekte, die Geflüchtete und weitere von Ungleichheiten betroffene Menschen unterstützen. In dem „Social Center for All“ wollen wir diese Projekte bündeln und einen zentralen Anlaufpunkt für Betroffene und Unterstützer_innen schaffen. Damit soll auch ein Raum zur Selbstorganisierung von Geflüchteten entstehen.

Welche Forderungen sind dabei besonders wichtig?

Geflüchtete betonen, dass sie ein politisches Zentrum wollen und kein reines Charity Center, das Unterstützungsangebote macht. Es geht darum, ein selbstbestimmtes Leben für alle Menschen zu ermöglichen. Dazu ist es auch notwendig, darüber zu reden, wo die Grenzen zivilgesellschaftlicher Unterstützung sind. Es ist schön, dass viele Menschen bereit sind, ehrenamtlich Deutschkurse anzubieten. Ziel ist es aber, dass alle Geflüchteten systematische Deutschkurse besuchen können, die von ausgebildeten Lehrkräften angeboten werden. Nur so kann ein selbstbestimmtes Leben von Geflüchteten ermöglicht werden.

Wo stoßt ihr auf Probleme?

Der Anspruch des Projektes ist es, mit vielen Menschen gemeinsam Forderungen zu entwickeln. Die Einbindung von Geflüchteten und sozial benachteiligten Gruppen, die über die bereits beteiligten Gruppen hinausgehen, gestaltet sich jedoch schwierig. Das ist nicht überraschend in einer Gesellschaft, die vermittelt, dass jede_r allein ihres und seines eigenen (Un)Glückes Schmied ist. Wir dagegen wollen zeigen, dass Solidarität möglich ist. Deswegen versuchen wir fortlaufend, mehr Menschen einzubinden. Seit der Veröffentlichung des Projektes Mitte November finden wöchentliche, offene Vorbereitungstreffen statt, zu denen jeder und jede willkommen ist. Dafür organisieren wir Übersetzer_innen, versuchen Zugangshürden zu senken und Kontakte zu knüpfen. Wir begreifen dies als einen Prozess, als einen Ort des Austausches und der Vernetzung.

Wie würdet Ihr die Situation in Bezug auf rassistische Mobilisierungen und Gewalt, aber auch in Bezug auf Hilfe für Geflüchtete beschreiben?

Auch in Leipzig haben wir ständig rassistische Mobilisierungen. Antirassistische und antifaschistische Initiativen rotieren fortlaufend, um Proteste zu organisieren. Viele von uns glauben jedoch, dass der Protest gegen Nazis allein den sich immer weiter ausbreitenden Rassismus in der Gesellschaft nicht effektiv entgegen wirken wird. Wir glauben, dass es eine gesellschaftliche Alternative braucht, die Ursachen für soziale Ungleichheit aufzeigt.

Denn gerade in Leipzig engagieren sich gegenwärtig wirklich viele Menschen für Geflüchtete. Doch diese Hilfe allein wird an den Ursachen nicht viel ändern. Wir wollen diese Menschen zusammenbringen, um über Alternativen zu diskutieren und rassistischen Mobilisierungen damit etwas entgegenzusetzen.

Mit unserem Projekt sind wir nicht allein. In Göttingen hat eine Initiative erfolgreich ein Haus zur Unterbringung von Geflüchteten besetzt. Besetzungsversuche gab es auch Frankfurt/Main und Berlin. In Frankfurt versucht das „Project Shelter“ ein selbstorganisiertes Zentrum für Geflüchtete und Migrant*innen aufzubauen und auch in Berlin versucht das „Social Center 4 all“, Solidarität zu politisieren. Dies zeigt, dass angesichts der gesellschaftlichen Stimmung der Bedarf nach sozialen Zentren enorm groß ist.

Wie hat die Stadt Leipzig auf Eure Forderung nach einem Haus reagiert?

Nachdem wir die Forderung nach einem Haus veröffentlicht haben, haben sich keine Vertreter_innen der Stadt Leipzig bei uns gemeldet. Wir hatten dadurch das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Auf einem offenen Utopia Workshop wurde dann kollektiv beschlossen, ungenutzte Räume in der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät temporär zu besetzen. Wir wollten damit darauf aufmerksam machen, dass es machbar ist, unsere politischen Forderungen in die Tat umzusetzen. Nach der Besetzung hat auch die Stadt Leipzig unsere Forderung nach einem Haus registriert und Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Vor dem Hintergrund Eurer Erfahrungen: Was erwartet Ihr für die nächsten Monate? Und welche Forderungen müssten dringend erfüllt werden?

Anfang des Jahres werden wir in Verhandlungen mit der Stadt Leipzig um ein geeignetes Gebäude treten. Parallel dazu werden weiter die offenen Utopia Workshops stattfinden, um über die Angebote zu diskutieren. Offensichtlich ist es legal, hunderte, zum Teil traumatisierte Menschen zusammen in einer Turnhalle einzupferchen. Das verletzt nicht nur die Würde, sondern auch die Menschen. Wir wollen ein Gebäude nutzen, das momentan nicht genutzt wird. Das verletzt niemanden. Wenn uns niemand ein Haus zur Verfügung stellt, sind wir immer noch bereit, uns auch ein Haus selbst anzueignen. Denn wir brauchen einen Ort, damit mehr Menschen sich darüber austauschen können, was gesellschaftlich passiert und um aufzuzeigen, dass es Alternativen zum Massensterben im Mittelmeer und den Asylrechtsverschärfungen gibt.

Quelle: http://www.mobile-opferberatung.de/doc/news/informationen_50.pdf