09.12.2015 – ND

Junge Leipziger planen ein soziales Zentrum und wollen dafür im Notfall ein Haus besetzen

In Leipzig soll ein soziales Zentrum entstehen,  offen für an den Rand gedrängte  Gruppen der Gesellschaft. Aktivisten haben eine Kampagne gestartet, sie steckt aber noch in der Kinderschuhen. Von Max Zeising, Leipzig

Die Frage kommt wie bestellt. »Wie das laufen kann«, will ein »interessierter Zuhörer« beim »Utopia Workshop« wissen. Kurzes Schweigen. Dann das Eingeständnis: »Es gibt noch keine konkreten Ideen. Aber wir haben den Willen, etwas aufzubauen.« Keine zufriedenstellende Aussage, möchte man meinen. Der Fragende wurde dadurch nicht schlauer. Genau wie die vielen anderen interessierten Zuhörer in der Runde. Vielleicht war mehr an diesem Abend aber gar nicht möglich. Denn die Gruppe, bestehend aus etwa 25 jungen Leipzigern, möchte etwas schaffen, das viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Ein soziales Zentrum,
»Social Center for all!«, wie sie es selbst nennen, wobei die Betonung auf »all« liegt. »Für eine langfristige Perspektive und ein solidarisches Miteinander werden wir gemeinsam ein Zentrum für Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen schaffen!«, schreiben sie in ihrer Ankündigung.
Das Projekt, das von linken Gruppen wie »Prisma« und »The future is
unwritten« sowie von der Flüchtlingsbewegung »Asylum Seekers’ Movement« unterstützt wird, hat es in sich. Es soll für Flüchtlinge offen sein, aber auch Treffpunkt für Arbeitslose, Obdachlose und Homosexuelle, also potenziell sämtliche an den Rand gedrängte Gruppen, werden. Anders als bei einem autonomen Zentrum sollen nicht nur Menschen aus der linken Szene dorthin gezogen werden, sondern auch aus der gesellschaftlichen Mitte. »Wir nehmen eine Entsolidarisierung innerhalb der Gesellschaft wahr. Da gegen wollen wir nun etwas machen«, sagt Alex Herzog.

Seine Hoffnung: Einheimische, die bisher keinen Kontakt zu Geflüchteten hatten,
sollen ihnen hier auf Augenhöhe begegnen. »Ich glaube natürlich nicht, dass wir Leute von Legida hierher bekommen. Und wir wehren uns auch ganz klar gegen Rassismus. Aber den Menschen, die ein wenig verunsichert sind, können wir vielleicht die Angst nehmen«, meint Herzog. Anders als bei einem autonomen Zentrum sollen nicht nur
Menschen aus der linken Szene dorthin gezogen werden, sondern auch aus der gesellschaftlichen Mitte. Die Planungen stecken noch in den Kinderschuhen. Vieles ist noch unklar. Nicht entschieden ist beispielsweise noch, welches Selbstverständnis sich das Zentrum geben will. Soll der Fokus eher auf »humanitärer Hilfe« oder auf  politischer Intervention liegen? Eine konkrete Idee dürfte hingegen schon bald Aufsehen in Leipzig erregen. Weil die Gruppe einen Raum für ihr Projekt braucht und
nicht daran glaubt, dass ihr die Stadt einen zur Verfügung stellt, kündigt sie auf ihrer Homepage – mehr oder weniger direkt – eine Besetzung an:
»Gebt uns ein Haus für unsere Anliegen oder wir nehmen die Sache selbst in die Hand!«, heißt es da.
Spätestens an dieser Stelle wird klar: Das »Social Center for all!« soll eine kleine Kopie der gleichnamigen Initiative in Berlin werden. Diese liefert sich seit Wochen ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und führte wegen zwischenzeitlicher Räumungen bereits zwei Hausbesetzungen durch. Die »Radikale Linke Berlin« sandte via Facebook gleich mal ein paar »solidarische Grüße« nach Leipzig: »Wir sind begeistert! In Leipzig ist heute die nächste Social Center 4 all (#SC4A) Kampagne gestartet.«
In der Tat haben sich die Leipziger inspirieren lassen von den Aktivitäten des Berliner »Social Centers«, aber auch von der Besetzung der Gerhart-Hauptmann-Schule. Vor drei Jahren wurde das Gebäude von Flüchtlingen in Beschlag genommen. Bis heute ist es besetzt. »So etwas können wir auch«, glaubt ein Aktivist in Leipzig. Um voranzu-
kommen, treffen sich die jungen Leute wöchentlich an unterschiedlichen Orten zum »Utopia Workshop«.

Einmal fand er direkt vor dem Neuen Rathaus statt – parallel zur Sitzung des Stadtrates. Das sollte die Aufmerksamkeit der Politik wecken. Die haben sie bekommen, allerdings fielen die Reaktionen höchst unterschiedlich aus. So verwies der CDU-Abgeordnete Karsten Albrecht auf »demokratische Strukturen« und lehnte damit Hausbesetzungen ab. Zudem hat Albrecht inhaltliche Einwände gegen das Projekt. »Parallelstrukturen nützen gar nichts.« Wenn Flüchtlinge die bestehenden Strukturen nutzen, sei Integration am besten möglich. Juliane Nagel aus der Linksfraktion sieht das anders: »Es gibt zwar offizielle Strukturen, aber das Projekt will zusätzlich Kritik an der bestehenden Asylpolitik üben.«
Deshalb trage sie das Konzept mit.