Leerstand und Spekulation

Vor ein paar Jahren galt Leipzig noch als die Armutshaupstadt Deutschlands und war gleichzeitig von hohem Leerstand geprägt. Doch längst finden eben jene Prozesse statt, die gemeint werden, wenn von einem funktionierenden Wohnungsmarkt oder gar einer »Boomtown« gesprochen wird: Privatisierung, Entmietung, Verdrängung, Luxussanierung, vermehrte Spekulation mit Wohnraum sind nur einige der sich aktuell wieder zuspitzenden Symptome einer kapitalistischen Organisation von Wohn- und Gewerberäumen.

Ende 2014 wurde der Leerstand Leipzigs auf knapp 22.000 Wohnungen geschätzt. Davon konnte aber nur etwa die Hälfte als bewohnbar bezeichnet werden. Das bedeutet, dass 2014 nur – aber immerhin – etwa 10.000 Wohnungen leer standen, die als sofort beziehbar galten. Aufgrund des Zuzugs und der gestiegenen Nachfrage nach Wohnraum kann der bewohnbare Leerstand mittlerweile 2015 auf etwa 6.000 Wohnungen geschätzt werden. Man kann davon ausgehen, dass der andere Teil des Leerstands – also die nicht auf dem Wohnungsmarkt angebotenen leeren Wohnungen – auch in den nächsten Jahren nicht vollständig instand gesetzt werden. Denn teilweise dienen diese leeren Häuser lediglich der Spekulation. Nicht selten werden leerstehende Häuser von Unternehmen gekauft, um sie dann ohne Interesse an einer Instandsetzung oder Vermietung zu höheren Preisen weiterzuverkaufen. Der Zuzug von über 12.000 Menschen pro Jahr und die dadurch gestiegene Nachfrage nach Wohnraum werden zur Begründung für diese Spekulation. Leipzig ist längst kein Geheimtipp mehr für Immobilienakteure, sondern explizites Ziel für Anleger_innen geworden. Solche Häuser sind nicht für jene, die sie brauchen, sondern sie dienen vor allem der Rendite für Immobilienunternehmen.

Der Leerstand allein ist kein Problem, sondern ist zum Image der „Leipziger Freiheit“ geworden. Die Suggestion von alternativen Freiräumen und der Erfüllung von Wohnträumen ist eine Vermarktungsstrategie. Das alternative Wohnprojekt wird zum gern gesehenen Beweis für das In-Viertel im Portfolio der Luxussanierung nebenan.